Du, irgendwo

Ich möchte dich herausschneiden, ausschneiden, herunterladen.

Ich starre auf mein kleines quadratisches Gerät und bin so vertieft darin, dass alles andere verschwimmt. Ich vergesse, obwohl ich dich sehe, dass du real bist. Echt. Dass du in diesem Augenblick tatsächlich existierst, irgendwo, dass du beschäftigt bist und redest und atmest und träumst. Küsst?
Es fühlt sich schlecht an, dass du mich nicht kennst, nichts weißt von mir, aber mein kranker Kopf ist auch froh darüber, überzeugt, du würdest mich hassen, seltsam finden.
Ich habe schon immer vergessen, dass da eine ganze Welt existiert, außerhalb meiner kleinen Welt, meines Zimmers, meines Kreises, meines Kopfes, außerhalb dieser Box, die mir nichts wirklich Gutes gebracht hat.
Dass, wenn ich schlafe, die Welt sich weiterdreht, gnadenlos weiterdreht, so viele Leben die da sind und immer weitermachen- ob ich sie nun sehe oder nicht, an sie denke oder nicht, kenne oder nicht.
Ich trage meine kleine, beengte und luftleere Welt mit mir herum, alles was war. 

Selbst wenn ich nicht daran denke, ist all das doch immer da.
Genau wie du, irgendwo. Und es macht mich traurig.
Vielleicht betrachtet mich auch jemand, im Idealfall du und im schlimmsten Fall auch du, und möchte mich herausschneiden aus dieser Box, alles dunkle aus mir herausschneiden und wegschleudern, und mein ausgehöhltes Ich dann mit deinen übrig gebliebenen Teilen zusammenfügen. Eine Collage aus dir und mir, ein neues Bild, eine neue kleine Welt, eine, die es so nur einmal gibt. Wir sind so präzise und nah aneinandergefügt, dass man nicht mehr wahrnimmt, dass wir eigentlich zwei völlig verschiedene Bilder sind. Waren. Du. Und ich. Wir sind Eins und nun sieht es so aus, als wäre es nie anders gewesen.

Ich blinzle.
Materialisiere mich zurück ins Hier und Jetzt. Bekomme Arme, Beine und mein Gesicht, eben war alles du, jetzt werde ich wieder ich. Schaue mich um, alles wie immer, wie überraschend. Nehme wieder wahr. Geräusche von draußen, von einem Teil der Welt, der sich auch einfach immer weiterdreht, daneben die Geräusche, die es nur im Herbst gibt. Vorzeitiger Herbst, verschlafen und verregnet.

Das Bananenbrot duftet, der Ofen ächzt.
Ich seufze, schalte mein Handy aus und stehe auf. -S.

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