10 Minuten- Jetzt

 

jetzt 

Was könnte ich schreiben? Was sonst noch?

Was erzählen, was nicht schon tausende Male erzählt wurde. Mehr. Öfter. Viel öfter. Besser.
Was ich sehe, haben schon tausende Augen vorher gesehen.
Jedes Wort, das ich benutze, wurde schon abertausende Male vorher benutzt.
Alles, was ich fühle, fühlen gerade, jetzt in diesem Moment, tausende andere Menschen, genau so, auf die gleiche Weise und genau so fühlten sich schon abertausende Menschen zuvor.
Das einzige, was neu ist, anders, ist bloß, dass ich es bin. Jetzt. Morgen und in hundert Jahren werden es wieder andere sein.
Ja, nur ich kann sehen, wie ich es sehe, fühlen, wie ich es fühle, erleben, wie ich es erlebe und schreiben, wie ich es schreibe.
Und doch- würde ich meine Wörter über Wörter legen, die über Jahrhunderte geschrieben wurden- sie würden exakt aufeinander passen.

An der Stelle, an der ich mich befinde, befanden sich schon hundert Jahre vor mir tausende, gar Millionen anderer Menschen. Und in hundert Jahren sind es andere Menschen, die sich an meiner, an unserer Stelle wiederfinden. Mit Worten über Erlebtes, die hunderte Jahre der selben Gefühle und Gedanken widerspiegeln. Immer wieder von neuem. Immer wieder von vorn. Und sich doch immerzu wiederholend.
Ich kann gar nichts wirklich neues mehr schreiben.
Ich kann den Worten nur meine höchsteigene Farbe aufdrücken. Meine Handschrift.
Und etwas befriedigendes darin finden, ein Tropfen in einem gigantischen Ozean zu sein und mich mit diesem Ozean unendlich verbunden zu fühlen.-S.

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