Jane's Theme
Diese Sessel sind unbequem. Ein Sammelsurium aus Sitzpolstern, alt und verschlissen oder besser gesagt Vintage. Aber sie sind bunt und geben dem Raum mit dem abgenutzten dunkelbraunen Holzboden und tannengrünen Wänden eine gemütliche Note.
Man versinkt in dem Sitzpolster kaum dass man sich hingesetzt hat und obwohl ich nicht groß bin und keine meterlangen Beine habe, sind meine Knie auf Brusthöhe, was äußerst unangenehm ist. Ich bereue, nicht den Platz direkt am Fenster gewählt zu haben, normalerweise die erste Wahl aber die Barhocker dort sind genauso unbequem wie dieser Sessel und für meine Zwecke auch gerade ungeeignet.Ich schlage mein Buch zu und versuche, mich nicht idiotisch zu fühlen. Als wäre es das normalste der Welt zum Lesen und Kaffee trinken raus zu gehen, in ein Café, unter Menschen. Es sind nicht viele Leute hier und trotzdem kann ich ihre Stimmen nicht ausblenden und mich auf die Buchstaben vor mir konzentrieren.
Ich höre ungewollt Gesprächsfetzen und frage mich jedes Mal, ob das jeweilige Gegenüber wirklich interessiert ist oder nur so tut. Ich würde Wetten darauf abschließen, dass eine Befragung im Anschluss des Cafébesuches ergeben würde, dass niemand mehr genau weiß, was ihnen in der letzten Stunde alles erzählt wurde. Es geht nur darum, nicht allein seinen Caffè Latte zu schlürfen und soziale Kompatibilität vorzugeben. Ja ja, es soll Menschen geben, die Energie aus sozialen Kontakten schöpfen. Unvorstellbar.
Ich beneide diese Menschen wirklich.
Das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass sie interessierter an ihrem Gegenüber sind als ich. Letztlich dient ihnen der Kontakt auch nur zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse, dass sie dir dabei auch wirklich zuhören ist nicht unbedingt gegeben.
Mein Bedürfnis ist nicht, mich allein an einen Ort zu begeben, an den man normalerweise in Gesellschaft hingeht. Jeder, der behauptet, es für selbstverständlich zu halten allein Essen, ins Kino oder spazieren zu gehen, ist ein verdammter Lügner.
Es sollte normal sein, schließlich sind wir meistens keine Siamesischen Zwillinge, sondern eine Person. In Singular. Es ist viel eher der Fall, allein zu sein als zu zweit. Trotzdem fühlt es sich an als würde man gegen irgendein Naturgesetz verstoßen, sich ohne Begleitung in ein Kino zu setzen.
Ach guck die, wie bedauernswert, hat niemanden, tragisch. Sofort ist man ein Sonderling, erzählt mir nichts. Es ist komisch jemanden allein an solchen Orten zu sehen. Von alleine ins Kino über der arme hat keine Freunde bis hundert pro ein Psychopath sind es nur Augenblicke.
Man tut wirklich angestrengt so als sei es wirklich so gewollt, selbst wenn es das ist, muss man noch mal extra selbstbewusst so tun als sei es auch wirklich wirklich gewollt.
Meistens bewaffnet man sich mit Gadgets um zu zeigen, doch, es soll so sein, es war mein freier Wille allein hier im Café zu sitzen, schaut her, ich habe meinen Laptop dabei. Oder eine Zeitung oder -so wie ich- ein Buch.
Keine Ahnung, was auf den letzten zehn Seiten stand.
Eine Erweiterung zum Buch ist übrigens, sich nebenbei Notizen zu machen, als würde man studieren oder recherchieren um ein Essay zum letzten John Green zu verfassen. Schreibt er noch? Ich weiß es nicht.
Das Essay ist bloß ein großes Wort für eine Zusammenfassung bestimmter Dinge, geschmückt mit Synonymen und exotisch klingenden Worten und dass du für deinen Blog schreibst, den niemand kennt, ist ja egal.
Man hat eine Berechtigung in diesem scheußlichen Vintagesessel zu sitzen, der schon 1970 unbequem war.
Lesen ist übrigens plötzlich zum Lifestyle geworden. Früher, vor 2020, warst du in den allermeisten Fällen total uncool wenn du gerne Bücher gelesen hast.
Irgendwie unsozial, langweilig und ach, die feine Dame hält sich wohl für was besseres? Wieso? Weil ich mit 13 Stephen King und Edgar Allan Poe gelesen habe? Ich glaube nicht, dass das Lesen solcher Lektüre deinen IQ wesentlich erhöht. Man redet nach zuviel EAP zwar irgendwie eigentümlich und bekommt nach SK paranoide Alpträume aber das wars auch schon. Aber es nicht zu lesen macht dich auch nicht schlauer.
Mittlerweile ist Lesen ein Accessoire, welches man mit sich herumträgt und
den jeweiligen Buchträgern irgendwie einen intellektuellen Touch verleihen soll, selbst wenn man sich ausschließlich mit Werken von Anna Todd und Colleen Hoover umgibt.
Wichtig: englisches Original lesen. Erhöht den Intellektuellen-Quotient um satte 5 Punkte.
Hätte ich die Wahl, ich würde immer lieber die deutsche Übersetzung lesen. Es ist meine Muttersprache und kommt für mich irgendwie immer näher an mich heran als Englisch. Da ist eine gewisse Distanz.
Es sei denn, das Buch gibt es nur in Englisch, dann muss ich es eben so lesen.
So wie jetzt.
Aber das ist nicht der Grund für meine Unaufmerksamkeit, auch nicht die Gesprächsfetzen oder mein Schwadronieren übers Alleinsein an belebten Orten.
Du bist es.
Mein Dasein hat zur Zeit nur einen Grund: dich zu beobachten.
Alle bitte wieder ausatmen. Entspannt euch.
Ich behalte dich bloß im Auge, kein Grund gleich auszuflippen.
Du sitzt genauso schrecklich zusammengefaltet in einem der anderen Sessel wie ich. Ich sitze schräg hinter dir und beobachte deine flinken Finger dabei, wie sie seit geraumer Zeit irgendwas in dein Handy tippen. Dein Gadget, um nicht so allein zu sein, wie du es gerade bist. Ich weiß, warum ich hier sitze. Aber. Warum sitzt du hier?
xx
Ich würde dich lieben. Könnte. Möchte. Schockierend, ich weiß. Und doch kannst du nichts dagegen tun.
Oh ja, klar. Du kannst es versuchen. Aber du weißt ja, was man sagt. Liebe tut weh. Liebe, urgh, es zu schreiben ist schon lächerlich, also Liebe, das wurde mir sehr früh bewusst, ist für mich persönlich eine Qual. Liebe muss entweder in Anführungszeichen gesetzt oder kursiv geschrieben werden. Es funktioniert nicht anders für mich. Liebe ist wie eine spanische Schlinge, eine Garotte, die um meinen Hals geschlungen ist. Sie ist immer da. Aber wird erst aktiviert, wenn es auch nur entfernt nach *räusper Liebe riecht.
Die Schlinge funktioniert so: je heftiger man sich wehrt, desto enger zieht sich die Schlinge. Je mehr man es möchte, umso schmerzhafter wird es. Halt bloß still, es ist zu m(d)einem besten.
Es tut mir ein bisschen leid, dass du dich auch darin verfangen hast. Aber.
Bis zum Mond, Mars, Jupiter und darüber hinaus. Und, es gibt kein zurück. Es gibt einfach keinen Weg zurück.
Warum auch? Ich habe diesen Spruch nie verstanden. Zum Mond und zurück. Ist es dann vorbei? Ist die gemeinsame Reise dann beendet, wenn man wieder auf Mutter Erde aufschlägt? Ich bevorzuge den Jupiter ohne Rückfahrschein.
Ich behalte dich im Auge, so nah bei mir, wie möglich. Ich hoffe so sehr, du sprichst mich niemals an.
Es ist nichts so tödlich wie der Alltag. Die Realität. Auch wenn ich immer viel zu schnell in meinen Träumen voranschreite, dich und mich sehe, nichts mehr möchte, als den hässlichen Alltag mit dir zu teilen. Ich sehe dich neben mir sitzen, nichts ist selbstverständlicher als das, nichts möchtest du mehr als das.
Ich streichle deinen nackten Rücken und küsse deinen Nacken wann immer ich möchte. Deine Hand ruht zwischen meinen Beinen, einfach, weil sie dort hingehört, nie für etwas anderes bestimmt war.
Ich muss mich zur Ordnung rufen.
Nichts ist trügerischer als die eigenen Gefühle. Die Nähe und Vertrautheit die du ausstrahlst oder besser gesagt, die ich dir gegenüber fühle, spiegeln nur tief verwurzelte Mechanismen wieder. Und die sind nicht immer gut für einen selbst.
Was gut ist, ist am besten fünf Schritte zurück zu gehen.
Ich halte Abstand. Ich behalte dich bloß im Auge.-Jane
Was lesen?
Creatures of passage von Morowa Yejide
Lemon von Kwon Yeo-sun
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