10 Minuten- Alles wie es war
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Egal wie viel Zeit vergeht, dort bleibt immer alles gleich.
Auch wenn es mir ab einem gewissen Punkt in der Vergangenheit schwer fiel, überhaupt über die Schwelle zu treten, so hat es doch etwas so beruhigendes, was ich nie erwartet hätte.
Das gute Silberbesteck liegt immer noch in dieser Schublade, das gute Porzellangeschirr im Highboard und dort wird es verbleiben bis zum Schluss.
Der Inhalt des Kühlschranks hat sich nicht signifikant verändert, genauso wenig wie die Essenszeiten und der Nachmittagskaffee.
Ich habe euch nie niedergeschlagen im Bett liegen sehen, oder dass ihr den ganzen Tag in euren Pyjamas herumgewandelt wärt.
Jeden Sonntagmorgen gab es Frühstück und ein Ei dazu und ich war enttäuscht wenn das Ei keine Wollmütze getragen hat um es warm zu halten, denn ich bin im Gegensatz zu euch sehr unbeständig, was die morgendliche Aufwachzeit angeht.
Aufwachen ist nicht gleich Aufstehen, doch das ist wieder eine andere Geschichte.
Ich glaube, ich wäre doch traurig, hättet ihr vor Jahren die Sachen gepackt und andere Dinge rausgeschmissen und hättet es euch in einer kleinen Wohnung gemütlich gemacht. Immerhin sind die Kinder endlich aus dem Haus und es wäre absolut verständlich, hättet ihr mal an euch gedacht.
Aber ich bin trotz meines ambivalenten Verhältnisses und einem jahrelangen Realisations und Heilungsprozesses doch froh darüber, dass es so ist wie es ist, wie es immer war.
Es würde ein enormer Teil fehlen, selbstverständlich was euch betrifft, egal wie es in der Vergangenheit war, aber auch was diesen Ort betrifft, der, wie ihr, einen Teil meiner Identität widerspiegelt und geprägt hat.
Es kostet mich noch immer etwas, mich dorthin zu begeben aber ich weiß, dass es mittlerweile einen eher neutralen Status erreicht hat, mit positiven Tendenzen.
Wo früher Enge und Kühle und der Wunsch nach Schmerz und Freiheit herrschte, und ein tiefsitzendes Gefühl von Unwirklichkeit meinen Geist benebelte, so ist es heute überraschenderweise etwas, was ich nie fühlte– ein Gefühl von Zuhause.
Es gibt gute Tage und weniger gute und es gibt immer mal wieder eine lange Zeitspanne, in der wir uns weder sehen noch sprechen, was keinem von uns etwas auszumachen scheint aber es wird doch mit jedem Mal herzlicher, was in mir zwiegespaltene Gefühle hervorruft, einfach, weil es neu für mich ist. Aber ich beschwere mich nicht, ich weiß um euer Erbe und das ihr für vieles nichts könnt aber dennoch verantwortlich seid.
Ich wollte es bloß besser machen, für mich, für andere, vielleicht ist ja doch etwas davon zu euch durchgedrungen und wenn es nur die Zeit ist und der damit einhergehende natürliche Wandel beziehungsweise Verfall, der einem schon Angst machen kann.
Dort aber ändert sich fast nichts, die Zeit verläuft langsamer in diesen vier Wänden, geradezu träge und trotz allem ist das sehr tröstlich.
Auch wenn keiner von uns das je ausgesprochen oder voneinander gehört hat– ich liebe euch.-S.
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