Ein Traum (?)

                                     *


Es war ein seltsamer Ort den du dein Zuhause nanntest. Chaotisch und ästhetisch, wild und beeindruckend, genau wie du.
Es war eine Mischung aus edlem, klassischem Wintergarten mit hohen verzierten Fenstern und dem Charme eines Einkaufszentrums irgendwo zwischen Bauhaus und Brutalismus.
Ich habe nicht hinterfragt, dass wir über eine schmale rote Planke balancieren mussten um von einer Etage in die nächste zu gelangen, ja, es passte so zu dir und diesem sonderbaren Ort, dass es das normalste der Welt erschien. Um uns herum wucherten so absurd ausladende, enorm hohe Pflanzen, dass sie surreal aussahen, wie ein überzeichneter Gag.
Du warst aufgedreht und wolltest mir unbedingt alles zeigen und ich wollte alles erfahren, was in deinem Kopf vor sich ging.
So energetisch und übersprudelnd du auch warst, du konntest nicht verbergen, dass dahinter eine Tiefe ungeahnten Ausmaßes lag, eine Tiefe, die Licht und Lachen verschluckt und für immer in ihren schwarzen Eingeweiden gefangen hält.
Deine Bücher, die halb zerfleddert und unzählige Male durchgeblättert überall herumlagen, zeichneten ihr ganz eigenes und ganz ungeschöntes Bild deiner selbst, wie ein glasklares Spiegelbild aus tausenden geschriebenen Wörtern, was dir aber nicht bewusst zu sein schien.
Sie offenbarten deinen dir eigenen Kern, dein Herz und legten eine Vielzahl an Schichten aus Traurigkeit und verlorener Hoffnung und einer so tiefen Liebe frei, dass es wehtat sie zu betrachten.
Doch deine Energie war greifbar, sie war ansteckend wie eine Krankheit und hätte selbst Tote wieder zum Leben erweckt.
Sie hat mich zum Leben erweckt und ich hätte alles gegeben um die Traurigkeit aus deinen Eingeweiden zu verbannen. Du warst für die kurze Zeit, die ich dich kennen durfte, in deine Welt eintauchen durfte, meine beste Freundin und ich war deine, auch wenn diese abgegriffene Bezeichnung nicht mal annähernd das widerspiegelt, was du warst.
Als ich aufwachte, hing der Traum noch in dieser Zwischenwelt, von der man nie weiß, ob sie existiert oder nicht, bis man wach ist und realisiert, dass es ein Traum war, keine Erinnerung. Deine Präsenz war so spürbar, als hättest du eben noch wirklich meine Hand gehalten als wir wie waghalsige Piraten über diese schmale Planke turnten. An diesem Ort, der so so lebendig war als wäre ich eben erst dort gewesen, was ich in gewisser Weise ja auch war.
Komisch eine Person zu vermissen, die mein eigenes Unterbewusstsein erschaffen hat, einen Ort, den ich nie sah, so real wirken zu lassen, dass ich schwören könnte, ich wäre doch in meiner menschlichen, physischen Form dort gewesen.
Ich wünschte, ich könnte dich ins Leben holen, in diese Welt, ich wünschte, ich könnte dein Lachen noch einmal sehen und mich daran erinnern, wie es geklungen hat.-S.

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