Alles ambig

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Wie selbstverständlich sie bestimmt haben wer ich bin, wie unnachgiebig sich mich irgendwo hineinquetschen wollten, wo ich doch gar nicht hineinpasste.
Im Nachhinein betrachtet war es vielleicht keine Boshaftigkeit, sondern Verzweiflung.
Ich habe ihnen einfach nichts gegeben.
Nicht mit Absicht, es war keineswegs ein genialer durchtriebener Schachzug meinerseits, ich war arglos und wusste selbst nie, wer diese Person ist, die meinen Namen jedesmal buchstabieren und korrigieren muss, die mein Gesicht trägt und gar nicht weiß, was andere darin sehen. Es war nur so, dass mein Wort etwas anderes bedeutete als ihr Wort, als würde nur ich hören was ich oder andere sagen, oder die Bedeutung der Worte kennen. Sie haben ja nichteinmal gefragt.
Und, ich weiß ja nichtmal selbst, was ich sehe aber ich war jedes Mal böse wenn andere so ungeniert und ungefragt ein Bild von mir zeichneten, was mir so gar nicht passte. Es hat mich grundlegend durcheinander gebracht und ihre Welt stimmte nie mit meiner überein.
Ich lasse mir Ambivalenz oder auch Ambiguität auf meine Brust tätowieren (das Adjektiv ist übrigens ambig, was auch nicht in meinen Kopf geht) denn was beständig ist, ist, dass es immer von allem zwei Seiten gibt (und mehr!), und mir das nicht nur klar ist, ich bin es.
Und das ist nicht nur für mich anstrengend, es macht es eventuell für alle anderen unmöglich, ein ganzheitliches und vor allem ungetrübtes Bild von mir zu sehen, weshalb sie so verzweifelt und forsch dabei sind, zu finden, was ich bin und wie, um ihre Welt nicht ins Chaos stürzen zu lassen.
Wenn der kleine Porzellanhund auch nur einen Millimeter verrückt wird, würde das ganze Kartenhaus einstürzen, ich verstehe schon, dass das beängstigend ist.
Wir alle brauchen den roten Faden und die Leitplanken und es gibt nicht grundlos diese Kalendersprüche, Binsenweisheiten und Bauernregeln und zu guter letzt, die Bibel und die anderen Schriften.
Meine Güte, wir drehen schon am Rad wenn es kein Klopapier gibt weil das, wer hätte es je ahnen können, das Mittel der Wahl ist wenn eine globale Krise ausbricht und der Mensch halt ist, wie er ist und immer war: egoistisch.
Ich hätte mit allem gerechnet aber nicht damit, dass Klopapier knapp wird. Wenn was auf der Karte steht, können manche Menschen es in ihrem Kopf überhaupt nicht verarbeiten, dass es die gewünschte Eissorte gerade nicht gibt. Weil die ja auf der Karte steht und sie es stumpfsinnigerweise auch als Argument anführen.
Aber es steht doch da.
Tja, guter Mann, das kommt davon wenn dir immer alles erlaubt wurde und immer alles gab, was du gerade wolltest, gibt es einmal nicht dein Lieblingseis, implodiert deine ganze Welt. Dir hätte öfter mal jemand Nein sagen sollen.
Der Bus kommt ganze drei Minuten später obwohl auf dem Fahrplan deutlich zu sehen 13:54 steht, lass eine Revolution anzetteln!
Der gurkt einmal quer durch die Stadt und kommt trotzdem nur 3 Minuten später aber gut, früher hätte es das natürlich nicht gegeben.
Früher gab es auch keine Depressionen und Angststörungen, die kamen erst in den vergangenen Jahren auf weil alle weichgespült sind und Pronomen existieren auch erst seit zwei Jahren, ey du! funktioniert doch prima, Thema erledigt.
Menschen als Krönung der Schöpfung zu bezeichnen wäre ja so als würde ich mich selbst zur Kaiserin von Delululand krönen, seit wann krönt man sich selbst und wird dafür nicht drei Jahre später von einem wütenden Mob geköpft?
Wir sind Kaiser, Mob und Henker in Personalunion, kein Wunder.
Ja, ich habe einen sehr, sehr weiten Bogen gespannt und mein Verdruss und meine Müdigkeit was -manche- Menschen betrifft ist so gar nicht offensichtlich, oder?
Meine Güte, du musst mich nicht einordnen und labeln und framen und ins Regal stellen, wie einfältig willst du sein, zu glauben, nur weil das Haltbarkeitsdatum auf der Milch in der Zukunft liegt, es völlig ausgeschlossen ist, dass die Milch nicht trotzdem sauer sein kann?
Ich bin von Geburt an misstrauisch, weil ich es sein musste, weshalb jedes einzelne Ei getestet wird, bevor es verarbeitet wird.
Nur weil du sagst, ich sei so um deine kleine Welt gemütlicher zu machen, muss das noch lange nicht den Tatsachen entsprechen, tut mir leid.
Menschen sind in erster Linie komisch, das Getue, das Gehabe, ich bilde da keine Ausnahme und du noch viel weniger.
Vielleicht ist es nur der verzweifelte Versuch, etwas Ordnung ins Chaos zu bringen, sich unbedingt auf etwas verlassen zu wollen weil es vermeintliche Sicherheit bietet, vielleicht wissen sie selbst, dass das im Grunde eine Illusion ist. (immerhin können wir uns darauf verlassen, dass es Ende September Adventskalender zu kaufen gibt, phew!)-S.


Kommentare

  1. Ups, jetzt war mein Kommentar weg... Also nochmal.
    Auch mich wollte man immer in eine Schublade stecken, mich formen, mich klein kriegen. Doch es gelang nie. Vielleicht hatte ich mehr diese Weitsicht auf die Dinge, die da waren, die da kommen würden. Und jetzt, im Nachhinein, bin ich froh, dass ich mich nie untergeordnet habe. Ich kann unbeschadet in den Spiegel schauen.
    Das Meckern ist uns einfach allen gegeben. Nur dieses Meckern, viele nennen es: Meckern auf hohem Niveau - das ist blöd. Es könnte mehr gewürzt sein, heißer oder kälter sein und dergleichen. Davon grenze ich mich ab. Das nehme ich hin wie es ist, denn andere haben sich dabei ja etwas gedacht.
    Aber Menschen sind so wie sie sind zu verbrauchen, mit guten und schlechten Seiten. Wir können uns nicht ausrangieren, sind wir doch Herdentiere....
    Liebe Grüße,
    Edith

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  2. Ja, vieles kann man nicht ändern, ich versuche es hier und da mit Stoizismus. Aber das kann auch in eine mir zu bequeme Richtung gehen. Nur weil sich jemand was denkt, oder tut, muss ich damit nicht automatisch einverstanden sein, vor allem wenn es mir grundsätzlich falsch erscheint. Dann muss ich wenigstens versuchen etwas zu ändern. Und wenn nicht, halt nicht aber damit leben muss ich auch nicht zwangsweise, dann entferne ich mich lieber und suche mir eine Herde (oder wenigstens ein Schaf), die zu mir passt.
    Ich glaube, da muss jeder seinen Weg finden.
    Liebe Grüße!

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