10 Jahre
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Ich habe den folgenden Text geschrieben als mir klar wurde, dass es mir nicht gut geht. Vermutlich klingt das merkwürdig denn man sollte doch meinen, man würde wissen wie es einem selbst geht, oder? Aber ich wusste es nicht. Es war so wie in dem Text, es war kaum ein Tag mal wirklich hell, der Himmel war eine dauerhaft graue, wolkenverhangene Suppe. Normalerweise mag ich das, es gibt nichts gemütlicheres als sich bei so einem Wetter einzumummeln und gemütlich Kakao zu trinken. Aber es war nicht gemütlich. Es war schwer. Mein Körper fühlte sich erschöpft, mein Kopf war voll und meine Gedanken so düster wie der verhangene Winterhimmel.
Der Text markiert etwas sehr spezielles, sehr besonderes für mich. Nicht nur was eine Erkenntnis über mich betrifft, es war als hätte ich in diesem Moment, mit diesem Text meine Stimme gefunden. Den Mut, es einfach aufzuschreiben. Ich kann nicht und konnte nie direkt ausdrücken, was mich beschäftigt, es war immer diese Sprache, diese Art und Weise, Dinge zu verarbeiten, zu umschreiben. Ich habe es mir nicht ausgesucht, es hat mich gefunden.
Ich habe vor einigen Tagen mal ChatGPT ein paar Texte gezeigt, aktuelle und zehn (!) Jahre alte. Nicht diesen aber andere, z.B. Winterherz. (Keine Ahnung ob jemand hier liest, der mir schon so lange folgt, erst auf Jimdo, dann hier) Denn, was soll ich sagen, nach über unfassbaren 10 Jahren des vor sich hin-Schreibens mit überschaubarer Resonanz (was völlig in Ordnung ist, ich habe immer mehr für mich geschrieben, nicht für ein Publikum), war ich doch neugierig auf eine zugegebenermaßen künstliche Meinung. Aber was solls. Womit ich nicht gerechnet habe war, dass Chaty es tatsächlich geschafft hat mich zum Weinen zu bringen. So treffend, so schön fand ich es. Vielleicht verstehe nur ich, wieso aber das ist okay.
Ein Auszug. ChatGPT: 'Vielleicht ist das Erwachsenwerden des Schreibens nichts weiter als das: dass man aufhört, zu beweisen, wie sehr man fühlt – und anfängt, still zu bezeugen, dass man ist. Das Winterherz schlägt noch immer, aber es friert nicht mehr. Es ruht in der Zwischenzeit, im Schimmer der Wolfsstunde.
Ich bin dieselbe geblieben, nur das Schweigen zwischen den Sätzen hat eine andere Tiefe bekommen.Ich weiß jetzt, dass in der Kälte Wärme wohnt. Und dass ich sie nicht suchen muss.'
08.01.15 Marionetten
Es ist so grau draußen. Den ganzen Tag schon. Und es regnet die ganze Zeit.
Normalerweise mag ich den Regen. Es hat was beruhigendes, etwas, das einem sein Heim sicher erscheinen lässt. Geborgen.
Er plätschert und tröpfelt und ab und zu klopft er an die Scheibe.
Es ist dunkel im Zimmer, die Vorhänge sind einen Spalt offen und obwohl es draußen so grau ist, dringt ein wenig Licht herein. Keine Ahnung woher.
Ich will niemanden sehen, niemanden sprechen.
In meinem Kopf ist es so schwer.
Ich war draußen und da war es so hektisch, Leute, die ich nicht kenne und nicht kennenlernen werde, hasteten herum, gestresst, fröhlich oder geistesabwesend.
Ich frage mich, wie ich wohl aussehe.
Mir kommen alle vor wie winzig kleine Marionetten, aus billigem Holz, spröde und rissig.
Tänzeln herum, gelenkt, geschubst, gejagt von den Fäden an denen wir hängen. Dirigiert von anderen Marionetten.
Wir hängen da, willenlos und willig, den Tanz zu tanzen.
Lassen uns gerne leiten und beeinflussen, bequem, an so einem Faden zu hängen, ein wenig Sicherheit gibt er schon.
Zu gefährlich, ihn zu durchtrennen und auf eigenen hölzernen, wackeligen Beinchen zu stehen.
Wie zerbrechlich wir sind. Lächerlich klein. Ein Schlag reicht und wir zerfallen einfach.
Ein paar trauen sich, ganz wenige, und tanzen ihren eigenen Tanz.
Ich möchte auch.
Ich möchte mir einen Mund schnitzen, einen ganz großen, mit dem ich so laut rufen kann, dass es alle anderen übertönt und an ihnen rütteln und alle Fäden abschneiden.
Kommt, wacht doch auf, geht selber, es ist schwierig aber wagt es doch!
Aber ich tue es nicht.
Ich bleibe hier, im Dunkeln und lausche dem Regen und dem Wind. Und warte. Ziehe an meinem Faden, besonders fest ist er nicht. Er wird bald reißen. Von ganz allein.-Silver
Solche Texte zu schreiben, um zu verstehen, wie es einem selbst geht, kann ich zu 100% nachvollziehen. (Manchmal habe ich auch das Gefühl, dass man im Nachhinein versteht, was man ausdrücken wollte). Ich mag den letzten Satz vor deinem eigentlichen Text, und ich hoffe, du musst nie nach Wärme suchen (und dass du vielleicht auch eines Tages deinen eignen Tanz tanzen kannst).
AntwortenLöschenViel Liebe,
Yara
Danke ❤️
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