Geburtstagssause 2

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Winterherz ist einer meiner liebsten Texte. Heute würde ich ein paar Dinge anders schreiben oder weglassen aber es muss ja noch Platz sein für Veränderung und bestenfalls Entwicklung. Doch so gesamt betrachtet mag ich ihn noch immer sehr gern und ich bin sofort wieder in dieser Zeit und Stimmung, jedes Mal aufs Neue. Vielleicht macht das einen guten Text aus?

Wie auch immer. Ich hoffe, Winterherz gefällt euch:)

09.10.15 Winterherz
Warum nur sehne ich mir immer den Winter herbei?
Wo es da doch so bitterkalt ist.
Wo es doch an manchen dieser dunklen Tage so unendlich schwer fällt, morgens aufzustehen.
Im Bett schön kuschelig, draußen dunkel und frostig.
Mein Körper fühlt sich an wie in Blei gegossen, wie einer dieser verkrüppelten, undefinierbaren Figuren, wie sie beim Bleigiessen entstehen.
Man fragt sich, was zum Geier das sein soll, ein Kran, ein Dino, Albert Einstein?
An manchen Tagen bin ich so eine Bleifigur.
Vor allem an diesen grauen, nebligen Wintertagen, die ich doch eigentlich so schön finde.
Ich sehne ihn herbei, den echten, kalten, harten Winter.
Wo du schon zu Eis erstarrst wenn du nur mal kurz das Fenster öffnest um frische Luft herein zu lassen.
Wo dein Hirn Gefriebrand bekommt, da draußen zwischen den Häusern, wo man entlanggehen muss, im Eiswind des Todes.
Wo man in der Bahn oder im Bus von irgendwelchen Virenschleudern angeniest und angehustet wird und eine Woche später selbst total vergrippt auf der Couch liegt.
Kopf,-und Gliederschmerzen geplagt und wegen einer, durch Langeweile und Fieber verursachten, vorübergehenden Unzurechnungsfähigkeit, verfolgst du das Zombieland-Vormittagsprogramm in der Glotze und zweifelst wieder heftig am Sinn der Existenz der Menschheit.
Zwei Wochen später bist du die Person, die andere anniest um dich dem Rest der Viren zu entledigen.
Manchmal lacht auch die Sonne vom blauen Himmel und es ist wunderbar und bitterkalt aber ich mag das, ich friere lieber als zu schwitzen.
Aber dann wird es so schnell dunkel oder nicht mal wirklich hell und man wird wieder manisch-depressiv, durch dieses unberechenbare Winterwetter.
Und alles ist so einsam, grau und trist.
Und draußen ist es genauso.
An diesen schweren Tagen möchte ich mich nur müde und leer in mein Bett kuscheln, selbst wenn mir einfällt, dass da keiner wartet aber das ist egal denn ich freue mich trotzdem darauf, dazu noch einen Tee oder Kaffee, wonach mir gerade ist, schaue einen meiner Lieblingsfilme, den ich schon fast mitsprechen kann, auf Englisch übrigens auch...jedenfalls einige Passagen..
-What are you doing here?
~I just wanted to know if you're available for Barmitzwahs and Christening..as well as Ruby Weddings..excellent speech.
-I tought you were in America?
~Well yes, I was but, ahm, I realized I'd forgotten something back home..
-Which was?
~Well, I realized I`d forgotten to kiss you goodbye, do you mind?
Aaaawww...
Oder den anderen...I'm not the explosion-guy, o.k?, ja sicher^^ You have to work your hardest and stay positive. Then you've got a shot at the silver lining...
Und immer lacht man an der selben Stelle oder flennt an der selben Stelle..oder man nimmt sich ein Buch vor, was man schon immer lesen wollte..oder schon dreimal gelesen hat.
Man schlüpft in den Kapuzenpulli aus der Herrenabteilung im Sportladen, den man in einem Anfall von Verzweiflung gekauft hat, ab unter die Kuscheldecke, diese unfassbar weiche..eine dicke Kerze anzünden, die nach Zimt oder Keksen duftet und wenn man keine Lust auf Film oder Buch hat, hört man eben fünfzig Mal hintereinander das selbe Lied und beobachtet fasziniert, wie das Kerzenlicht dazu tanzt.
Man schaltet die Lichterkette ein, die x-te weil die immer so schnell kaputt gehen, mindestens aber drei oder vier Lampen davon oder man holt einfach mal die mit den Sternen oder die mit kleinen Lampions.
Wenn es dann schneien würde...die Vorhänge bleiben geöffnet, damit man rausschauen kann, damit man zusehen kann, wie große, fette Schneeflocken in Zeitlupe vom Himmel
segeln...die ganze Nacht durch.
Und am Morgen ist alles unter einer weißen, kalten Glitzerdecke verschwunden, alles wirkt rein und zauberhaft.
In so einer weißen Glitzerwelt kann nichts Schlechtes existieren.
Es riecht nach Winter, Schnee und Kälte und es ist wunderschön.
Man kramt den Schlitten aus dem Keller, kann es kaum erwarten, geht zum nächsten Hügel und saust im Affentempo hinunter, gleich noch einmal, liefert sich ein halsbrecherisches Duell mit anderen Rodlern und rammt sie extra, fällt in den Schnee und lacht sich kaputt.
Abends dann, lauschst du einfach nur dem Wind, wie er die Schneeflocken durch die Nacht jagt, wie er um dein Haus heult, bis du einschlummerst, im flackernden Kerzenlicht.
Das wäre doch perfekt.
Vielleicht hänge ich daran weil ich im Winter geboren bin.
Dazu bestimmt, ein Winterherz zu sein, vom allerersten Herzschlag an, ein Winterherz, das für die Kälte, den Nebel und die Dunkelheit gemacht ist, dass so sehr damit kämpft aber weiß, dass es ohne das alles, nicht schlagen könnte.
Ich mag den Winter so sehr..wegen all dem Schönen und auch wegen seiner nicht so schönen Seite.
Vielleicht mag ich ihn genau deswegen.-Silver
 

Kommentare

  1. Hallo Silver,
    ich kann deinen Zwiespalt so gut nachvollziehen. Ich selbst liebe den Herbst und eben auch den Winter. Ich mag diese düsteren und nebeligen Tage. Warum? Vermutlich wegen der Gemütlichkeit, die eben auch damit einhergeht. Ich bin kein Freund von Hitze, von Sommertagen, die nie enden und in denen man auch Abends kaum zum Schlafen kommt, weil es sich einfach nicht mehr abkühlen will.

    Ich finde, dein Text spiegel das Für und das Wider dieser Zeit einfach perfekt wieder. Ich kenne auch die Tage, in denen die Melancholie durchkommt. In denen man sich Fragen stellt und in denen man Gedanken hat, die recht düster daherkommen. Und dennoch gibt es eben auch so viel Schönes ...

    Ganz liebe Grüße
    Tanja

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