Geburtstagssause 3

Die große Geburtstagssause neigt sich dem Ende entgegen. Dieses Mal habe ich zwei Texte ausgewählt, die Thematisch ähnlich sind, wobei Monster eher das Innere und Fassaden- wie der Name vermuten lässt- eher das Äußere beschreibt, wobei eigentlich beide innere/mentale Prozesse beschreiben. Monster ist aber persönlicher, kommt mir am nächsten. Ich mag den Text noch immer sehr.

Sagt mir gerne was ihr darüber denkt. Ich bereite solange die Konfettikanone vor. 

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Freitag, 30.06.17  Monster
Würden wir uns kennen, würde ich sagen, komm' doch einfach her.
Wir würden zusammen Filme schauen und Musik hören und Essen kochen und durch dunkle Straßen laufen.
Wir würden reden oder auch schweigen und unseren Gedanken nachhängen.
Würden wir uns kennen, würde ich dir sagen, dass du dich mit vielen Menschen umgeben, an tolle Orte fahren und atemberaubende Dinge anstellen kannst aber irgendwann der Moment kommt, an dem du wieder allein bist.
Irgendwann ist es still und du merkst, dass du nicht vor dir selbst davonlaufen kannst.
Dass du dein Monster mitnimmst, ganz egal, wohin du gehst.
Würden wir uns kennen, würde ich dich halten- ausnahmsweise und wenn du es erlaubst, wenn dein Monster wieder wütet. Du kannst schreien und weinen, es wäre ok, aber nur, weil du es bist.
Würden wir uns kennen, würde ich dir sagen, dass das Monster gerne kommt wenn du dich sicher fühlst. Es kommt dann, wenn du dich am wenigsten wehren kannst – während du schläfst.
Ich würde dich nicht aus deinem quälenden Schlaf holen, damit du dich ihm stellen kannst, damit du den Kampf mit deinem Monster ausfechten kannst.
Aber ich würde deine Hand halten, damit du spürst, dass du nicht alleine bist.
Würden wir uns kennen, würde ich dir vielleicht von meinem Monster erzählen.
Dass es klein und grau und sehr flink und äußerst verschlagen ist.
Eigentlich keine schlechten Eigenschaften, aber nicht für ein Monster.
Es taucht gerne plötzlich auf, dann, wenn ich dachte, es wäre fort oder vielleicht nie dagewesen.
Aber natürlich war es da und es ist auch nie wirklich weggewesen. Es schlummert nur dann und wann vor sich hin und wiegt mich in Sicherheit.
Würden wir uns kennen, würde ich schlechte Witze reißen und versuchen, dich aufzumuntern und du würdest nicht deine Augen verdrehen und mich seltsam finden, weil du wissen würdest, dass ich ein Monster in mir trage, so wie du und wie das so ist, mit einem Monster zu leben.
Würden wir uns kennen, würde ich dir erzählen, wie wunderbar ein einziger Tag sein kann, was man alles erleben kann, was man alles lernen kann, wo man überall gewesen sein kann...und was man alles zerstören kann, an einem einzigen Tag.
Und du würdest verstehen, wie das ist, wenn man Tag um Tag verstreichen lässt und so winzige Schritte geht, dass man nicht mal sieht, dass du dich tatsächlich fortbewegst.
Und du würdest es kennen, das schlechte Gewissen und die Frage, warum du überhaupt atmen darfst, du, wo du doch nur mit deinem Monster kämpfst und ganze Tage an dir vorüberziehen, weil das Monster in deinen Eingeweiden gnadenlos und eiskalt ist.
Vielleicht laufen wir aneinander vorbei und ich sehe dich und vielleicht siehst du mich auch.
Würden wir uns kennen, würden wir uns anlächeln und verstehen; würdest du mich kennen, würdest du wissen, dass ich dich aber nicht kennen muss, um dich zu sehen.-Silver

     

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23.03.15 Fassaden 
Menschen sind Blender.
Menschen sind Geblendete.
Menschen leben hinter Fassaden.
Sie schmücken ihre Fassade aus, so, wie es ihnen gefällt und stets in der Hoffnung, andere fallen auf ihre Fassade herein.
Sie möchten beeindrucken, präsentieren, beeinflussen, manipulieren oder einfach bewundert, verstanden und gesehen werden.
So wird ihre Fassade verändert, herausgeputzt, geschmückt und verziert.
Denn unsere Welt ist oberflächlich.
Der Schein zählt, jeder weiß das und die meisten leben danach.
Was sich aber hinter den schönen, bunten, aufregenden Fassaden abspielt, bleibt für die Augen des Betrachters zunächst verborgen.
Sie schauen auf solides, charmantes Mauerwerk, sicher aber schwer zu durchdringen.
Auf weißen Marmor, so edel und doch so kalt. 
Auf poliertes, strahlendes Glas, das ein Hineinsehen unmöglich macht, alles, was sie sehen ist eine Reflexion ihrer selbst.
Die Unvollkommenheit, die Verletzlichkeit, die wahre Schönheit einer Menschenseele wird versteckt und behütet, weil sie in der Welt draußen keinen Bestand hat.
Die zarte Seele würde zerbrechen und ihre Reinheit würde beschmutzt werden, während die wahre Boshaftigkeit sich immer ihren dunklen Weg bahnt und die sich an dem trügerischen Schein der glitzernden Fassade labenden Augen, verbrennen würde.
Ungläubiges Staunen, angewidert und fasziniert zugleich von den Abgründen, den tiefen Schluchten, dem unendlichen lichtlosen Schlot der Unmenschlichkeit.
Und doch ist es so menschlich zugleich.
Endlos lange, knochenlose Finger greifen nach den Schauenden und umschlingen und umwinden sie wie unzählige Schlangen.
Wispernd und zischend betäuben sie sie mit ihren gespaltenen Zungen.
Unfähig und tatenlos ergeben sie sich schlaff und betört ihrem Schicksal, was in Wahrheit keines ist.
Alle schauen weiter auf die schillernden Fassaden und wissen es.
Sie wissen es.- Silver

Kommentare

  1. Hallo Silver,

    das sind zwei wahre und wirklich sehr emotionale Texte von dir.

    Sicherlich tragen die meisten Menschen im Leben eine Maske. Ich persönlich bevorzuge Menschen in meiner Umgebung, die möglichst "ungeschminkt" daherkommen.

    Dein erster Text hat mich sehr stark berühren können.

    Ich danke dir fürs Teilen.

    Falls wir uns vor dem Fest nicht mehr lesen sollten, so wünsche ich dir ein wunderschönes Weihnachtsfest im Kreise von deinen Lieblingsmenschen <3

    Ganz liebe Grüße
    Tanja 🤍

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